Kultur: Carlo Colombara, der „Verdische“ Bass
von Paola Volk
Während dieser kalten Schneetagen hat die Stadt Zürich die Ehre, einem Künstler mit einer warmen und tiefen Stimme, die auf der ganzen Welt berühmt und in allen Opernhäusern bekannt ist, Gastfreundschaft zu gewähren.
Wir reden von Carlo Colombara, der während der Saison 2010/2011 ganze vier Mal im Zürcher Opernhaus anwesend sein wird.
Guten Tag Carlo. Du bist auf der ganzen Welt als der „verdische Bass“ bekannt – gefällt dir diese Bezeichnung?
Ja, ich identifiziere mich sehr mit dieser Bezeichnung, weil ich einerseits in meinem Repertoire vorwiegend Rollen aus Opern von Verdi interpretiere, andererseits, weil es schon als junger Student ein Traum von mir war, solche Rollen zu interpretieren .
Du stammst aus Bologna und hast Barcelona, wo du bereits seit einigen Jahren lebst, zu deiner zweiten Heimatstadt gewählt. Wie fühlst du dich hier in Zürich?
Zu Zürich habe ich eine sehr schöne Beziehung. Seit 19 Jahren besuche ich die Stadt regelmässig, auch mehrmals im Jahr. Hier fühle ich mich zu Hause, auch weil ich in diesem Opernhaus während meiner ganzen Karriere am meisten gesungen habe. Hier kenne ich alle, und ich kehre immer sehr gerne hierhin zurück. Zudem werde ich dieses Jahr hier Neujahr feiern – auch weil am 31. Dezember die erste Aufführung von Nabucco stattfinden wird.
Wo findest du die typischen italienischen Eigenheiten in Zürich?
Mit Bestimmtheit in der Mode. Da Zürich eine Stadt mit einem hohen Lebensstandard ist, gibt es hier viele exklusive Geschäfte italienischer Stilisten. Dann in der grossen Leidenschaft für die Oper, die das Zürcher Publikum besitzt, das jede Produktion mit Begeisterung verfolgt. Ich kann mich an keine Aufführung erinnern, die nicht ausverkauft gewesen wäre. Für uns Künstler ist dies eine grosse Befriedigung.
Mit welchem Direktor arbeitest du am liebsten?
Ich arbeite immer sehr gerne mit Meister Santi. Wenn hier in Zürich die Oper so beachtet und geliebt wird, ist dies auch diesem Direktor zu verdanken. Der grosse Unterschied ist nämlich, dass Meister Santi die ursprüngliche italienische Oper in die Schweiz gebracht hat, das heisst, die Tradition der alten Schule, die mit vielen kleinen Details bespickt ist, die junge Direktoren nicht mehr im Blut haben. Er hat unter seiner Führung das Orchester umgewandelt, und zwar in ein fast italienisches Orchester – dem Geschmack und der Intensität nach.
Was fehlt dir am meisten, wenn du im Ausland bist?
Ich habe gelernt, ein bisschen überall zu leben und mir überall da, wo ich hingehe, ein kleines Nest einzurichten, selbst dann, wenn ich nur ein paar Monate bleibe. Wenn ich im Ausland bin, streife ich gerne durch die Städte: zum Einkaufen gehen, die Einheimischen verstehen. Ich wohne nicht gerne in einem Hotel oder esse nicht immer im Restaurant. Ich ziehe es vor, eine Wohnung zu mieten, mir selber Pasta zu kochen - worauf ich nicht verzichten kann - und mich wie zu Hause zu fühlen in welcher Stadt ich auch immer bin.
Wann hast du deine Leidenschaft für den Gesang entdeckt?
Mit 9 Jahren war ich erstmals mit der Schule im Theater, um Parsifal zu sehen. Seither wusste ich, dass ich Teil dieser Welt sein wollte, aber mir war noch nicht klar, welche Richtung ich einschlagen wollte. Ich fing an Klavier zu studieren, weil ich anfänglich Pianist werden wollte. Später wollte ich Orchesterdirektor werden, anschliessend – mit 14, 15 Jahren – habe ich Meister Paride Venturi kennengelernt, der in Bologna Gesangsstunden erteilte. Dieser Meister hat mich viel gelehrt, hat mir die Leidenschaft für die lyrische Oper vermittelt und hat erkannt, dass ich eine interessante Stimme hatte. Anfänglich habe ich als Bariton begonnen, nachher hat sich die Stimme gewandelt und mit 20 Jahren habe ich begonnen als Bass zu singen, was besser zur Klangfarbe meiner Stimme passt.
War es ein anstrengender Weg?
Anstrengend schon, aber nicht mühevoll. Für mich zählte die Leidenschaft mehr als die Müdigkeit. Kaum war das Singen beendet, hätte ich am liebsten grad wieder damit begonnen, aber ich musste meine Stimme ruhen lassen.
Wo bist du auf die grössten Schwierigkeiten gestossen?
Ich bin früh zu Erfolg gekommen, ohne mich von ganz unten herauf arbeiten zu müssen. Mit 24 war ich mit Riccardo Muti schon an der Mailänder Scala. Das Schwierigste war, dieses Niveau über diese 25 Jahre zu halten, in denen ich fortwährend studiert und neue Erfahrungen im Bereich der Interpretation gesucht habe.
Was zählt mehr im Leben: Talent oder Studium?
Beides zählt. Aber für sich alleine reichen diese Elemente nicht aus, um zu Erfolg zu kommen. Es braucht Musikalität, Musikgehör, die passende Gelegenheit, das Glück, einen Meister zu finden, der deine Stimme nicht zerstört oder ein künstlerischer Direktor, der dir nicht ein zu schweres Repertoire aufbürdet. Und dann braucht es viel Selbstkontrolle und ein grosser Sinn für Selbstkritik, ohne welchen man riskiert, seine künstlerische Karriere zu verbrennen, auch wenn man über viel Talent verfügt.
Welches Motto begleitet dich im Leben?
„Carpe Diem“ ist das Motto, das mich am besten wiederspiegelt und mir am nächsten kommt.
Welche Figur aus deinem Repertoire interpretierst du am liebsten?
Ich liebe es, dramatische Gestalten zu interpretieren und auch die Komplexen, die nur zu singen sind, aber auch zu interpretieren wie Filippo II oder Mefistofile.
Dann mag ich die Rolle des „Zaccaria“, der – obwohl ich ihn sehr oft interpretiere – mir immer etwas Furcht einflösst, weil es eine sehr schwierige Rolle ist.
Wie hat sich die Oper in den letzten Jahren verändert?
Eine grosse Veränderung ist von der Regie ausgegangen: Vor Visconti gab es die Rolle des Regisseurs nicht. Die Regie übernahm der Szenendirektor. Der Sänger wusste nicht, wie er sich zu bewegen hatte. Heute wird der Schauspielkunst eine grosse Rolle beigemessen. Ich habe mit grossen Regisseuren wie Zeffirelli gearbeitet, die es wirklich geschafft haben, Opern in regelrechte Kinoaufführungen zu verwandeln.
Gefällt dir Popmusik?
Nein, sie gefällt mir nicht und ich höre sie sehr selten. Hingegen höre ich italienische Liedermacher aus den 70er-Jahren und Jazz-Musik. Popmusik hat ein Rhythmus, dem ich schwer folgen kann,.
Warst du jemals in der Disco?
Nur ein Mal, mit 14 Jahren, weil mich Freunde da hingeschleppt haben. Ich erinnere mich, dass ich mir Ohrstöpsel in die Ohren drückte, weil mich der betäubende Lärm störte. Ich glaube nicht, dass das Getöse in der Disco etwas mit Musik zu tun hat.
Die Oper ist eines der wichtigsten Merkmale, die den Geschmack und die italienische Kultur auf der ganzen Welt charakterisieren. Was ist für dich die Italianità?
Italianità bedeutet für mich, solidarisch zu sein, kreativ und nie langweilig. Das ist es, was die Italiener auszeichnet, vorallem diejenigen, die im Ausland leben.
Danke, Meister, und auf Wiedersehen im Opernhaus.
Dezember 2010
Beginnen wird er mit der Figur des „Massimiliano“, dem Grafen von Moor aus der Oper „I Masnadieri di Verdi“, die am 5. Dezember wieder aufgeführt wird und an folgenden Daten wiederholt wird: 8., 11., 15., 19., 22., 26. und 29. Dezember 2010.
Er wird das Neue Jahr mit zwei Aufführungen aus „Nabucco“ eröffnen, in welchen er den grossen Priester „Zaccaria“ darstellen wird. Am 24. und 26. März wird er mit Simon Coccanegra ins Opernhaus zurück kehren. Schliesslich wird Colombara am 25. und 28. Mai sowie am 2., 8. und 10. Juni die Rolle des Enrico VIII der Anna Bolena donizettiana übernehmen.

