18. Mai 2012
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Musik: Jovanotti "Ora"

Von Paola Volk

Im Januar ist deine neue CD „Ora“ erschienen, 3 Jahre nach „Safari“: du hast bestätigt, dass es sich dabei um eine mit Liebe gemachte CD handelt und dass du diese CD deiner Mutter gewidmet hast, die erst kürzlich verstorben ist. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Ich bin auf eine besondere Art zufrieden, ich bin zufriedener als sonst! Diese CD gefällt mir sehr, sie ist mit viel Liebe gemacht und es bedeutete mir viel, eine CD zu realisieren, welche die Liebe von „Safari“ aufnimmt und auf irgendeine Weise multipliziert. Safari war eine sehr erfolgreiche Platte, deshalb musste ihre Nachfolge nicht zwingend eine Fortsetzung, sondern vielmehr eine Neuheit darstellen. Ich habe hart dafür gearbeitet, ich habe versucht, meinen Sound zu erneuern und schöne und amüsante Lieder zu schreiben. Dies ist eine Platte, die man im Vergleich zu „Safari“ viel mehr tanzt, eine Platte, die sich für eine Party eignet.

Dir gefällt es sehr, dich zu verändern und du hast auch keine Angst davor. Wolltest du von Beginn an eine Tanzscheibe machen oder hast du die Route während der Umsetzung geändert?
Ich hatte anfänglich keine Idee. Am Anfang wusste ich nicht, was für eine Platte ich realisieren würde. Ich fühlte mich etwas verloren. Die ersten zwei Monate verbrachte ich damit, Dinge zu tun, die ich dann wieder verwarf, weil ich das Gefühl hatte, die Fortsetzung von „Safari“ zu machen. Und man weiss, dass bei einer Fortsetzung der zweite Teil immer schlechter als der erste ist. Deshalb habe ich diese Idee sofort fallen gelassen. Anschliessend bin ich nur mit einer Person zusammen ins Studio, mit meinem Produzenten. Wir haben die Computer angestellt und haben zu arbeiten begonnen, indem wir mit elektronischen Klängen experimentierten. Zu dieser Zeit hörte ich oft Dance, zum Beispiel „Black Eyed Peas“, „Lady Gaga“ - alles zeitgenössische Musik, die auch meiner Tochter sehr gut gefällt. Dies hat mir Lust gemacht, wieder Musik zu machen, die der Clubmusik näher ist, eine tanzbare Musik.

Vom technischen Standpunkt aus ist dieses Album auf traditionelle  Art und Weise produziert worden. Alleine, mit Maschinen, mit Sampler, Schlagzeugen und Keyboards – und du hast fast alles alleine gespielt, mit wenigen Musikern, höchstens ein paar Freunden, die dich besuchen kamen. Weshalb hast du dich dafür entschieden?
Ich wollte versuchen, etwas Neues zu realisieren und nicht etwas schon Gemachtes oder Gehörtes spielen. Ich habe mich den Computern anvertraut, die in diesem Sinne optimale Reisepartner sind. Nachher, als  meine Mutter krank wurde, verspürte ich ein grosses Bedürfnis, in mich selbst hinein zu kehren und wollte in eine gewisse persönliche Atmosphäre versinken, die mit meiner Kindheit verbunden war. Aber um dies zu tun, musste ich viel alleine sein und vertieft suchen. Es hat mir genützt, diese Platte in einem Zustand der Einsamkeit zu machen, nicht so wie bei meinen früheren Platten, bei welchen es eine grosse Zusammengehörigkeit mit den anderen Tonmusikern gab. Bei dieser Platte habe ich mich isoliert, um in die Tiefen meiner Gefühle abtauchen zu können. Dabei versuchte ich, den unendlichen Schmerz, den ich während jener Monate verspürte, in etwas Lebendiges zu verwandeln, in eine positive Schwingung. Die Musik und alle künstlerische Formen im allgemeinen erlauben dir, dies zu tun, die Dunkelheit in Licht zu verwandeln, ein dumpfer Klang in eine glänzende Farbe – das ist die Grösse der Kunst.

Apropos Kunst – du hast dich entschieden, dich von einem speziellen Bildkünstler begleiten zu lassen, um diese Platte zu illustrieren: Kannst du uns erzählen, wie die Zusammenarbeit mit Cattelan entstanden ist?
Maurizio Cattellan ist der wichtigste italienische Künstler auf der Welt. Absolut betrachtet ist er sogar der fünftbeste Künstler überhaupt. Ich habe ihn in einer Kunstgallerie in New York kennen gelernt, wohin ich eingeladen war, um italienische Lieder aus den Sechzigerjahren zu singen. Zusammen mit anderen Musikern spielten wir die Lieder aus den Soundtracks von Fellinifilmen. Wir verbrachten einen wunderschönen Abend in einem New Yorker Lokal, wo es höchstens 100 Personen hatte, unter ihnen Cattelan. Wir haben unsere e-Mail-Adressen ausgetauscht und angefangen, uns zu schreiben und uns von Zeit zu Zeit Grüsse auszutauschen.

Als ich dann mit der Platte begonnen habe, habe ich ihn um eine Zusammenarbeit beim artistischen und kreativen Part gebeten. Ich bin davon ausgegangen, dass er mir nein sagt, da er ja Maurizio Cattelan ist. Zuvor hatte er noch nie ein Plattencover gemacht, er ist im Grunde genommen mehr Bildhauer als zweidimensionaler Bildkünstler. Aber er hat zugesagt und es war fantastisch. Für dieses Projekt hat er hart gearbeitet, er hat eine  ganze Mannschaft an Leuten aufgestellt, um die Fotos für die CD zu realisieren und es war eine sehr schöne Zusammenarbeit und eine sehr prestigeträchtige dazu für mich. Erst wenige Male hat ein grosser visueller Künstler Platencovers realisiert. Dies ist nur mit ganz grossen Künstlern wie Andy Warhol geschehen. Zu denken, dass eine meiner Platten ein Cover von Cattelan hat, ist fantastisch.

Deine Tour startet am 16. April in Rimini und man hat mir gesagt, dass an deinen Konzerten eine wahnsinnige Technologie vertreten sein wird. Auch weil du ein leidenschaftlicher Anhänger von 3D bist. Werden wir dich also in 3D sehen?
Mehr als in 3D wird man mich live sehen, man wird mich also – sagen wir – in 4D sehen!
Es wird viel Technologie vorhanden sein, viel Visuelles, viel Kreativität nicht nur umgesetzt in Musik, sondern auch in Bild – ein grosses Stück Arbeit hinsichtlich der Technik also. Aber auch in diesem Fall weiss ich nicht genau, was dabei heraus kommen wird. Wir haben ein ganz besonderes Bühnenprojekt mit speziellen Effekten, aber man muss ständig daran arbeiten und die Show Tag für Tag neu konstruieren.

Deiner neuen Platte ist die Single „Tutto l'amore che ho“ vorausgegangen, von welcher das Video im Umlauf ist, das mit Maki Gherzi produziert wurde und welches viele Diskussionen ausgelöst hat. Einige haben die Ähnlichkeiten mit dem Video „Solitude is bliss“ von dem Tamme Impala hervorgehoben.
Gemeinsam mit dem Regisseur Maki Gherzi wollten wir ein Actionvideo und ein postmodernes Video machen und wollten uns vom Aktionskino inspirieren lassen. Was die Bezüge anbelangt habe ich keine grossen Schamgefühle. Die ganze Kreativität und Kunst nährt sich von Bezügen, die sich untereinander vermischen und zu etwas Neuem werden, wenn man die eigene Kreativität dazugibt. Auch Maurizio Cattelan arbeitet oft mit Bezügen zu anderer Kunst, zur Vorstellungswelt. Es gibt eine allgemeine Vorstellungswelt, auf welche alle Künstler Bezug nehmen.
Als wir mit der Arbeit am Video begonnen haben, hat Maki begonnen, Bezüge zu sammeln zu Films wie „Valzer con Bascir“,  „Otto e mezzo“ di Fellini, „Non è un paese per vecchi“ dei fratelli Coen. Es gibt sogar einen Bezug auf „Singin‘ in the rain“, und einen auf „I‘m a legend“, dem postapokalyptischen Film mit Will Smith. Das Video besteht aus lauter Bezügen, ein Video, der einen weiten Atem hat und der mir persönlich sehr gut gefällt.

Hier bist du sehr beliebt, sei es von den Italienern, sei es von den Schweizern. Am 16. Mai hältst du ein Konzert in Basel. Wie sieht deine Beziehung zur Schweiz aus?
Ich komme sehr gerne in die Schweiz. Hierhin zu kommen hat mir immer sehr viel Energie zurück gegeben. Deshalb glaube ich, dass die Liebe gegenseitig ist. Die Schweiz ist ein optimales Land für Musiker, weil es ein Land ist, das sich gewohnt ist, Musik zu importieren. Die Schweiz ist gegenüber anderen Kulturen neugierig, weil sie im Grunde genommen aus verschiedenen Kulturen zusammen gesetzt ist, die sich untereinander vermischt und dadurch Reichtum, Schönheit und Arbeit erschaffen haben. Drum ist für mich das Schweizer Publikum ein wunderbares Publikum, sehr offen für Neues und mit einer Leidenschaft für Musik und Technik. Mir gefällt es sehr, hier zu spielen und ich spüre die Zuneigung mir gegenüber sehr deutlich, sei es von italienischer Seite, sei es von Schweizer Seite.

Findest du Elemente von „Italianità“ hier in Zürich?
Ja, es hat viel „Italianità“ in der Schweiz, vielleicht hat es in diesem Land absolut betrachtet sogar am meisten „Italianità“. Und wie es manchmal so ist: Italien ausserhalb von Italien wird noch mehr zu Italien. Italianità drückt unsere beste Seite aus, diese antike und verwurzelte Seite, die auf Ästhetik, Klasse, Intelligenz und der Fähigkeit sich anzupassen und Sympathie gründet. All diese Dinge, die uns auf der ganzen Welt auf echte und tiefe Art und Weise berühmt machen. Dabei handelt es sich nicht nur um Stereotypen. Zürich ist eine Stadt mit viel Sinn für Ästhetik, auch in ihren Gebäuden, in der Architektur, im Abwägen von Natur und Technologie. Man hat sofort das Gefühl, in einer fortschrittlichen Welt zu sein.

Verrätst du uns deine Meinung bezüglich den politischen Geschehnissen der letzten Tagen?
Was gerade passiert, überrascht mich nicht wirklich. Im Gegenteil – ich denke, es handelt sich dabei um einen logischen Abschluss eines unschönen Ereignisses. Das einzige, worüber ich mich empöre, ist, dass dieses Wertesystem einzelnen Personen die Möglichkeit geschaffen hat, Machtpositionen zu erlangen im Austausch von sexuellen Leistungen. Aber vielleicht ist von „sexuell“ zu sprechen alleine schon mildernd.

Mich interessieren die sexuellen Vorlieben Gleichgesinnter nicht. Diese Affäre beeinflusst aber auch das politische Leben des Landes, die Gesetze, die Auswahl der Spitäler, die Schule meiner Tochter, die Industrie, die Innovation, das Studium.

Diese Wahl ist die Aufgabe der Politiker, aber wir treffen auf Personen, die weder über Erfahrung, Leidenschaft noch Kompetenz verfügen. Die Politik ist eine ernsthafte Sache und es ist nicht akzeptabel, dass in einem zivilisierten Land das Nachtleben des Ministerpräsidenten zur Selektionsbank der regierenden Klasse wird.

Ich habe Berlusconi nie geglaubt, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass er eine grosse Neuheit darstellte, als er sich damals präsentierte. Er stellte einen Ausweg aus der Parteipolitik dar und diejenigen, die ihn wählten, verspürten einen wahren Enthusiasmus.

Ich habe nie an dieses „italienische Wunder“ geglaubt. Es schien mir eigenartig, dass ein Mann, der vom Showbusiness  und kommerziellen Fernsehen stammte – einer Welt nur aus Bildern und ohne Inhalt – mein Land in Bezug auf Kultur, Technologie und Struktur zu einem zukunftsorientierten Fortschritt verhelfen könnte. Für Italien stellt Berlusconi derzeit die Berliner Mauer dar. Bis sie nicht stürzt, ist Italien gelähmt und nicht in der Lage zu kommunizieren.

Auch die Opposition hat sich diesem politischen Klima ohne Werte angepasst, statt sich aufgrund der Fehler der Regierung zu stärken. Italien braucht eine neue Generation, die in die Politik einsteigt, Italien braucht neue Hoffnungen, neuen Enthusiasmus. Berlusconi ist nicht mehr glaubwürdig  und er ist nicht mehr in der Lage, Enthusiasmus unter den Jungen, den Arbeitern, allen Italienern zu versprühen.
Über irgendwelche juristischen Fragen hinweg liegt das Problem heute aber eher daran, dass Berlusconi ein Mann ist, der Italien spaltet, anstatt es zu vereinen. Auf diese Weise kann er dem Land nicht dienen.

Danke, Lorenzo, für diesen Schwatz. Wir sehen uns am 16. Mai in der St. Jakobshalle in Basel!

Februar 2011


Kurz-Biographie

Lorenzo Cherubini, besser bekannt als Jovanotti, ist ein wahrer Meister seines Fachs. Er versteht es blendend, musikalische Vielfalt mit tiefgreifenden Texten so zu verbinden, um seine alten Fans bei der Stange zu halten und auch viele neue Bewunderer hinzuzugewinnen. Denn Jovanotti hält nichts von musikalischem Ausverkauf, um kommerzielle Erfolge zu feiern. Von seinen ersten Gehversuchen im Musikgeschäft im Jahr 1988 ("Jovanotti For President") bis zu seinem aktuellen Schaffen "Ora", ist er sich und seinen musikalischen Ideen stets treu geblieben. Der ehemalige DJ und MTV-Moderator beweist von Album zu Album, dass eine unerschöpfliche Kreativität in ihm steckt. Zusammen mit hochkarätigen Musikern hat er viele Stilrichtungen erforscht und diese zu einer homogenen Eigenkreation erfolgreich zusammengeführt. Ob Hip-Hop, Rap, Funk, Disco, Folk, Latin, Rock, Pop oder Klassik – bei Jovanotti existiert das Wort "Berührungsangst“; nicht. Am Montag, 16. Mai 2011 (20 Uhr) tritt der italienische Künstler in der St. Jakobshalle in Basel auf.