18. Mai 2012
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Der Künstler der Banknoten

Antonio Natale, der Banknoten-KünstlerAntonio Natale konvertiert Banknoten in Kult-Objekte. Er studiert sie genau und realisiert dann Bilder, die bereits im Papier mit Wasserzeichen enthalten scheinen und nicht später übermalt wurden. In dieser visuellen Mehrdeutigkeit liegt die Stärke seiner Arbeit. Die  Verbindung von Zeichnungen und Porträts, die "echte " Realität des Bildes.

Er arbeitet an sprachlichen und ikonischen Codes, die ihren Ursprung in der Pop-Art finden und kreiert sehr originelle Werke, die zwischen der "archäologischen" Geisterwelt des Sammlers und der ironischen und ätzenden zeitgenössischen Geisterwelt des Künstlers ausgesetzt sind.

Hallo Antonio. Deine Werke sind auf der ganzen Welt ausgestellt und du bist als "der Künstler der Banknoten“ bekannt. Wie beginnt die Geschichte von Antonio Natale und wie hast du dein Talent entdeckt?
Alles begann, als ich fand, dass ich besser mit dem Zeichnen als mit dem Wort oder mit dem Schreiben kommunizieren könnte.  Zeichnen war für mich entscheidend, um meine Gedanken zu externalisieren, meine Stimmungen zu verstehen. Ich malte alles, was ich sah. Ich spürte diese Fähigkeit in mir. Aber als Kind empfindet man das als normal. Meine Fähigkeiten weckten natürlich viel Neugier und Kommentare, aber ich glaubte damals nie, dass meine Kommunikationsform eines Tages mein eigentlicher Beruf und meine Passion werden würden.

Ich war überglücklich, als mich jemand für eine Zeichnung, eine Skizze, zu loben begann. Ich begann damals auch zu verstehen, dass eine Zeichnung oder eine Malerei unglaublich starke Emotionen wecken können.  Auch heute bin ich immer noch aufgeregt wie ein Kind, wenn ich bei einer Ausstellung auf die Reaktionen des Publikums warte. Als ob es immer noch das erste Mal ist. Meine Bilder haben sich zwar geändert, sie sind nicht mehr nur die blühenden Wiesen und grossen Raumschiffe, aber ich erzähle meine Geschichten mit den gleichen Augen und mit der gleichen Leidenschaft wie damals, als ich ein kleines Kind war.

Welche Technik benutzt Du für Deine Werke?
Aus technischen Gründen male ich auf die Originalnoten mit Acryl, Pastellkreide und Tusche. Tatsächlich sind das die einzigen Zeichentechniken, die nicht die Wasserzeichen beschädigen. Wenn ich die Noten auf Leinwand reproduziere, kann ich dann mit Ölfarben malen.

Was sind Deine Lieblingsthemen? Haben Deine Werke auch soziale Bedeutung?
Ich habe keine Lieblingsthemen. Ich folge immer meinem Instinkt und die Themen hängen meistens von meiner Stimmung ab. Alles um mich herum kann meine Stimmung beeinflussen und es ist natürlich, dass einige Werke auch die Probleme des einen oder des anderen Landes erzählen. Meistens benutze ich die Banknoten um die Probleme dieser Länder zu erzählen. Weil die Banknoten damals in dieser Ländern kursierten und  viele Geschichten erzählen können. Die Banknoten erzählen den geschichtlichen, ich mit meinen Bildern den sozialen Hintergrund dieser Zeit.

Haben Dich Künstler oder Bewegungen inspiriert?
An der Kunst Akademie in Rom hatte ich die Gelegenheit, den italienischen Manierismus kennenzulernen. Für meine künstlerische Forschung haben mir meine Reisen nach Nordeuropa Mitte der 80er-Jahre viel bedeutet. Dort konnte ich die nordeuropäischen  Expressionisten „live“ kennenlernen.  In der Tat wurden damals meine Werke in dieser Periode viel von nordeuropäischen Expressionisten beeinflusst und noch heute sehe ich in meinen Werken die typischen Merkmale des Expressionismus. Natürlich kommt auch Pop Art in meinen Werken zum Ausdruck. Offensichtlich auch deshalb, weil ich meine ersten Schritte in die Welt der Kunst in der Werbung, im Plakatieren und in den Comics gemacht habe.

Du hast an der Kunst Akademie in Rom studiert. Kann man lernen, ein Künstler zu werden oder muss man die Fähigkeit um Kunst zu schaffen in die Wiege gelegt bekommen?
Jeder von uns ist mit künstlerischen Fähigkeiten geboren. Ein Kind hat oft eine Vision, vergleichbar mit der eines Künstlers. Der Heranwachsende hat zwei Möglichkeiten, von der Welt um ihn herum beeinflusst zu werden. Die Regeln wie sie sind zu befolgen oder weiterhin die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen und den Anderen dies aus diesem Blickwinkel zu präsentieren.

Das ist dann der wahre Künstler. Die Schulen können ein Talent perfektionieren, aber nie einen Künstler erschaffen. Künstler werden geboren und sie bleiben das ein Leben lang. Zu viele Menschen definieren sich als Künstler zum Beispiel für Mode, aber viele sind nur egozentrische Narzissten, ohne innere wahre Leidenschaft. Sie denken, sie können „Künstler werden“. ... „Künstler werden“ ist aber ein Begriff der nichts mit Kunst zu tun hat.

Was hältst Du vom Realismus und der Abstraktion in der Kunst? Können sie im künstlerischen Schaffen nebeneinander existieren oder muss man einen von zwei Wegen wählen?
Persönliche abstrakte Kunst, ausser bei einigen seltenen Beispielen, gibt und sagt mir  nicht viel. Meine Ausbildung basiert auf der klassischen Kunst, ist es normal, dass ich den Weg der figurativen Kunst gegangen bin. Aber ich setze nie Grenzen für die menschliche Neugier. Die Tage, Monate und Jahre vergehen, die Zeiten ändern sich... warum sollte sich dann nicht auch die Vision eines Künstlers ändern? Wir haben markante Beispiele. Die ersten Werke von Mondrian oder die Bilder eines 19- jährigen Picassos. Wir können die künstlerischen Wege nicht wählen, im Gegenteil. Es sind die Wege, die uns wählen. Und wie sie dich gewählt haben, so können sie uns auch wieder verlassen, um wiederum neue Pfade zu beschreiten.

Du bist gerade von einer Ausstellung in Kopenhagen zurückgekommen. Welches sind Deine kommenden Verpflichtungen?
Zuerst Mailand und nach dem Sommer eine Ausstellung in Brasilien, wo das Ministerium für Kultur ein Projekt von mir genehmigt hat. 50 meiner Arbeiten werden in Sao Paulo, Rio und Brasilia ausgestellt. Istanbul ist auch geplant, aber dieses Projekt ist noch im Entwurfsstadium.

Deine Karriere ist ein Weg ständigen Fortschrittes. Die Schweiz war wichtig in diesem Prozess und brachte Dir auch viel Glück. Wie ist Dein Verhältnis zur Schweiz?
Ich habe die Welt am Anfang nur zum Vergnügen und aus Neugier bereist, wie fast alle jungen Menschen. Dann kamen die Geschäftsreisen und ich begann zu reisen, um meine Arbeit vorzustellen. Im Jahr 1987 führte mich die Reise das erste Mal in die Schweiz. Seitdem betrachte ich die Schweiz als meine Zweitheimat. In der Schweiz erhielt ich meine erste wirkliche Anerkennung in den Künsten, mein erster richtiger Sammler stammt von hier. Mein Verhältnis zur Schweiz ist somit auch Ausdruck von tiefer Dankbarkeit.

Welche Rolle kann die Kunst in einer Welt des ständigen technologischen Fortschrittes spielen?
Die Kunst und die Technik laufen parallel auf der gleichen Spur, manchmal um sich zu kompensieren. Ich denke, dass der technologische Fortschritt nie eine wunderschöne Tätigkeit wie die Kunst überschatten kann.
In Kopenhagen habe ich vor einer Woche im Louisiana-Museum eine Ausstellung des berühmten britischen Künstlers David Hockney gesehen. Er erstellte und zeigte eine Reihe von Arbeiten direkt auf dem weltweit beliebtesten Tablet: dem "iPad“. Ein hervorragendes Beispiel für die Konjugation zwischen Kunst und Technik. Die Technik hat schon immer die Köpfe von Künstlern fasziniert und stachelt wie kaum eine neue Sache den Geist eines Kindes an.

Danke Antonio für das Gespräch und hoffentlich bis bald in Zürich.

Paola Volk, Mai 2011


Senza titolo

"Senza titolo", 2009. Acrilic on 3 dollar bills


"Spike"

"Spike", 2008. On 3 original banknotes from Zaire


"Eva"

"Eva", 2009. Acrylic on an original Germanbanknote from 1920


"Luna Rossa"

"Luna Rossa". Acrylic on 4 original banknotes from 1930