Kino: Giochi d'estate_Summer Games - Von Venedig nach Hollywood?
Wenn Rolando Collas «Giochi d'estate - Summer Games» am 20. Oktober in die Deutschschweizer Kinos kommt, hat er bereits einen beachtlichen Erfolgsparcous hinter sich. Zuerst wird die Schweizerisch-Italienische Koproduktion am diesjährigen Filmfestival von Venedig von einem begeisterten Publikum mit Standing Ovations gefeiert, danach wird sie zur offizielle Schweizer OSCAR®-Einreichung 2012 als «Bester ausländischer Film» gekürt.
Hochsommer auf einem Campingplatz in der Maremma. Vincenzo und Adriana, ein Arbeiterpaar kurz vor der Trennung, versucht mit letzter, verzweifelter Anstrengung ihre von prekärer Abhängigkeit geprägte Ehe zu retten. Ihr 12-jähriger Sohn Nic verarbeitet die traumatisierenden Gewaltausbrüche seines Vaters mit Freunden im Spiel. Seine aufkommenden Gefühle für die gleichaltrige Marie kann er nur mit Mühe ausdrücken. «Giochi d'estate - Summer Games» erzählt von den ersten, richtungsweisenden Schritte ins eigene Leben. Es ist eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund von häuslicher Gewalt.
Im sommerlichen Licht der toskanischen See skizziert SUMMER GAMES behutsam aber ohne falsche Aussparungen Familien am Rande des Kollapses und ihre Kinder, die im Spannungsfeld von Abhängigkeit und Ablösung erste Schmetterlinge im Bauch verspüren. Erfrischend, intensiv und von visueller Sinnlichkeit.
Anmerkungen des Regisseurs:
Der Film basiert auf zahlreichen, für mich ungemein relevanten Gegensätzen, die der Geschichte eine universelle Gültigkeit verleihen: Der Gegensatz zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt, zwischen dem Provisorischen und dem Schicksalshaften, zwischen dem im Licht Stehenden und dem im Dunkeln Liegenden, zwischen Liebe und Gewalt. Angesiedelt ist der Film in der behelfsmässi-gen temporären Welt des Camping-platzes. Die Menschen bewegen sich auf dem Campingplatz in den Badekleidern und leben eine mit grosser Einfachheit nach aussen gekehrte Alltagsintimität.
Vor dem Hintergrund dieses Milieus wird von den Schicksalen einfacher Leute erzählt. Von Nic und seiner prekären familiären Situation und von Marie, die zu ihrer Mutter in einem spannungsgeladenen Verhältnis steht. Die beiden Paare, das junge (Nic-Marie) und das erwachsene (Adriana-Vincenzo) erleben die geschilderten Ereignisse mit grösster Intensität. Sie sind für sie von vitaler Bedeutung und kontrastieren die Leichtigkeit der Strandferien, den Wind, der durch die Dünen weht, und das stets changierende Licht. Die vermeintliche Einfachheit der Figuren steht der dramatischen Dimension ihres Innenlebens gegenüber. Nic will sich von seinem gewalttätigen Vater befreien, er-kennt aber gleichzeitig die Wichtigkeit der Vaterfigur. Vincenzo der stets befürchtet, seine Frau könnte ihn verlas-sen, wird ihr am Schluss - dreckig und herunter gekommen - selber nahe legen, es zu tun. Nic wie Vincenzo sind auf ihre Weise beide zu heroischen Gesten fähig.
Die Erzählung wählt einen zärtlich-finsteren Blick auf das Leben, auf die Erwachsenen mit ihren beschränkten Handlungsmöglichkeiten und Funktionsstörungen, auf ihre Kinder mit ihren Bedürfnissen und ihrem intakten Entwicklungspotenzial. Den Kindern und ihren Entwicklungsprozessen gilt die Aufmerksamkeit der Story. Nic versucht während des ganzen Films zu beweisen, dass er nichts empfindet und erlebt zum Schluss das Gegenteil. Er fühlt und akzeptiert, wie ihn das Leben durchdringt, und kann nun mit allen Sinnen spüren: den Wind, die Wellen, die Wassertropfen auf seinem Rücken, Maries Nähe.
Der Film richtet seinen Blick auf die schmerzhaften Momente und Erfahrungen des Le-bens, aber auch auf die kurzen Augenblicke, wenn die umwerfende Schönheit des Lebens aufleuchtet. Die Geschichte des Films ist inspiriert von meiner eigenen Kindheit. Meine Eltern waren beide Italiener, die in die Schweiz gekommen sind, um Geld für ein eigenes Haus in Italien zu verdienen. Dieses von Anstrengung und Verzicht geprägte Leben hat ihre Beziehung äusserst belastet. Mein Vater, Gefangener seiner Frustrationen, hat nie geredet, immer nur geschrien. Meine Mutter, mein Bruder und ich fürchteten uns vor seinem gewalttätigen Charakter und davor, dass er uns grundlos schlug.
Ich wünsche mir zutiefst, dass dieser Film uns zu verstehen hilft, wie wir miteinander kommunizieren können, und wie wir alle trotz Gewalt, trotz Gefühlen von Frustration und Einsamkeit etwas miteinander zu teilen haben. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder in der Ablösungs-phase, die in die Probleme ihrer Eltern involviert werden, die aber auch ihre eigene Sinnlichkeit entdecken. Ich hoffe, dass dieser Film uns öffnet für die Kinder von heute und für die Kinder, die wir selber immer noch sind. Rolando Colla
Die Maremma:
Die Handlung des Films entstand bevor der Handlungsort bestimmt war, denn die Geschichte ist universell, und könnte sich irgendwo abspielen. Während ich am Drehbuch geschrieben habe, ist in mir die Idee von einem Handlungsort gewachsen, der den Menschen mit sich selber und mit dem konfrontiert, was er seit jeher ist: ein agressives Wesen. Folglich durfte es keine Stadt sein, sondern vielmehr ein Ort, der die kleinst mögliche Ablenkung bietet.
Die Idee für die Location gab mir ursprünglich ein Band mit Schwarzweissfotografien des tschechischen Fotografen Jan Jedlicka. Ich habe sofort erkannt, dass die Maremma, dieser immer noch recht wilde Teil der Toskana, durch den keine Autobahn führt, ein visuell interessanter Schauplatz für den Film ist. Ich habe begonnen, die Sujets dieser Fotografien zu suchen. Ich habe die sumpfigen Küsten gefunden, wo Erde und Wasser nicht klar geschieden sind, und wo Dutzende von entwurzelten Baumstämmen herumliegen. Ich bin auf eine ursprüngliche universelle Landschaft gestossen, die wie aus der Zeit gehoben scheint.
Aber ich habe auch neue inspirierende Sachen gesehen: die Pinienwälder mit ihren weichen Nadelteppichen, Menschen auf Fahrrädern, Sanddünen, Maisfelder und etruskische Gräber. Und ich habe begriffen, dass alles das vom Licht oder genauer noch vom Himmel zusammen gehalten wird. Der Himmel, dieses endlos leuchtende Feld, das der Landschaft Glanz verleiht und sich im Wasser der Sümpfe und der Lagunen widerspiegelt. Das Licht, das sich stets verändert, steht im Kontrast zur Archaik des Ortes.
Ich bin dreimal in die Maremma zurückgekehrt, und jedes Mal wurde mein Eindruck bestätigt, dass ich keinen besseren Ort finden würde. Die Tiefenschicht der Filmgeschichte findet einen Einklang in der Intensität und der poetischen Kraft der Maremma. Die Handlung hat den Ort ihres Geschehens gefunden. Rolando Colla
Gewinnen Sie 5x2 Gratis-Kinokarten für die Premiereveranstaltung am 20. Oktober, in Anwesenheit von Cast und Crew, mit Mail an go-italy@ccis.ch "Summer Games".
Die Geschichte zweier Paare in der kurzen Ferienzeit eines Sommers am Meer. Während die Eltern von Nic trotz mehreren Anläufen in einer prekären Abhängigkeit gefangen bleiben, verarbeitet ihr 12-jähriger Sohn in Spielen mit anderen Kindern die traumatisierenden Gewaltsausbrüche seines Vaters. Er versucht dabei, der gleichaltrigen Marie, die ihrerseits unter einer alterbeziehung leidet, beizubringen nichts zu spüren. In Wirklichkeit lernen die beiden die Schmerzen und Freuden der ersten Liebe kennen und verändern sich dabei. Ein Film über die ersten Schritte ins eigene Leben.
Rolando Colla, geboren 1957 in Schaffhausen. Schweizerische und italienische Staatsbürgerschaft. Lebt und arbeitet seit 1978 in Zürich. Arbeit als Drehbuchautor, Schauspieler und Produktionsleiter. Seit 1983 Drehbuchautor und Regisseur von Auftragsfilmen. 1984 Gründung der Peacock Film AG. 1985 Lizentiat in Germanistik und Romanistik an der Universität Zürich. Seit 2002 Dozent an der EICT (Escuela Internacional de Cine y Television), Havanna, Kuba.