Massimo Rocchi: "Meine Leidenschaft ist das Leben"
Der berühmte, ursprünglich aus Italien stammende Schweizer Kabarettist, Massimo Rocchi, gibt go-italy.ch einen Einblick in sein Leben.War er 1994 im Bühnenstück „äuä" noch der überwältigte Italiener, der seine ersten Eindrücke vom Grenzübertritt Italien-Schweiz und die erste Begegnung mit den Bernern beschreibt, so wandelte er sich in den nächsten 10 Jahren zum zwittrigen „Svitaliano" als Doppelbürger in „Circo Massimo". Heute ist Massimo Schweizer. Das aktuelle Programm „rocCHipedia" lässt daran keine Zweifel. „rocCHipedia" ist eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art, egal ob Geographie, Gesellschaft, Religion, Sport, Technik, Kunst und Kultur, Massimo lässt keine Wissenschaft aus.
Seit knapp 30 Jahren beobachten Sie helvetische Eigenarten. Mittlerweile sind Sie selbst stolzer Besitzer des roten Passes. Welche Vorteile haben Sie nun als Schweizer?
Ein Pass ist wie ein Hausschlüssel und in dem Haus namens Schweiz lebe ich ja nun schon seit 1982. Ich war es leid geworden, am Fenster zu stehen und mein Urteil über die ANDEREN abzugeben, in der Annahme, ICH sei besser als sie. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Schweizer Pass zu beantragen. 15 Jahre später kam mir die Idee, meine neue Identität in einen Theatermonolog einfliessen zu lassen. Also habe ich mich kopfüber in dieses Felsenmeer hineingestürzt, und da kam „roCHipedia" heraus. Ein Schweizer fragt sich, was das Schweizertum heute bedeutet. Er erzählt, wo er herkommt, von seinen persönlichen Erlebnissen, wie man wählen geht, wie man lebt, wie man isst, die Steuererklärung ausfüllt - oder auch nicht.
Sie sind bereits seit 1986 in der Schweiz. Warum kam das Bedürfnis Schweizer zu werden erst vor zwei Jahren auf?
Das klingt jetzt vielleicht seltsam: Ich bin zwar in Italien geboren und habe einen italienischen Pass, aber nach einer Woche in der Romagna habe ich Sehnsucht nach der Schweiz, nach Basel! Ich lebe schon seit 34 Jahren nicht mehr in Italien. Das Italien in meinem Kopf gibt es längst nicht mehr. Die eigenen Eltern bleiben ein Leben lang die eigenen Eltern, aber dann verliebt man sich in eine Unbekannte und gründet eine eigene Familie. Rund zehn Jahre habe ich in Frankreich studiert und gearbeitet. In Italien habe ich ein Jahr lang in Rom Fernsehen gemacht, danach eineinhalb Jahre in Spanien, in Madrid. Eineinhalb Jahre stand ich in Deutschland auf der Theaterbühne. Meine Basis war in der Schweiz. 1995 schrieb ich "äuä". 2003 kam dann die Zeit im Zirkus Knie, anschliessend der „Circo Massimo". Hätte mir aber damals jemand gesagt, dass ich einmal so viel Kreativität aus dem Schweizer Pass ziehen würde, dass daraus sogar ein Bühnenstück entstehen wird, hätte ich das nie geglaubt.
Etwas Wichtiges muss ich hierzu noch sagen, denn wir durchleben gerade einen bedeutenden historischen Moment für die Schweizer und alle, die hier leben: Das Bankgeheimnis fällt. Jetzt wird es spannend! Nun wird sich zeigen, ob die Schweiz sich als echter Finanzmarkt konsolidieren kann oder eine reine Sparbüchse, bzw. ein kleiner Flohmarkt bleibt. Übrigens, für meine italienischen Freunde bin ich seit jeher der SCHWEIZER! Bei Verabredungen bin ich immer pünktlich. Mein innerer Schweizer lässt sich einfach nicht besiegen, das nervt!
Fühlten Sie sich in der Schweiz von Anfang an willkommen?
Ja, ich habe nie irgendwelche Probleme gehabt.
Was braucht es, damit Integration funktioniert?
Arbeit, Fantasie und Schwei...Glück.
Ist die Schweiz heute Ihr Zuhause?
Ja, die deutsche Schweiz ist heute meine Heimat.
Ihr Beruf hat sehr viel mit Humor und Natürlichkeit zu tun. Trotzdem bezeichnen Sie es nicht als Ihre Leidenschaft, warum?
Meine Arbeit ist Arbeit. Meine Leidenschaft ist das Leben. Ich arbeite nicht als Komiker, ich möchte komisch sein. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich immer perfekt vorbereitet, denn alles soll ganz natürlich wirken, spontan wie bei einem Kind.
Wie erzeugen Sie Komik?
Aus dem Leben, der Stille und den Büchern.
Bringen Sie immer Themen auf die Bühne, die Sie auch persönlich berühren?
Ich wäre gerne ein „Zeitfänger". Ein Fänger von Empfindungen, die alle Bewohner der Schweiz aus eigener Erfahrung kennen. Ich wäre gerne wie atmosphärischer Staub, Sie wissen schon,Staub, den man gegen das Licht sieht, sichtbar und unsichtbar zugleich.
Sprechen wir über Ihr aktuelles Programm „rocCHipedia". Was darf das Publikum erwarten?
Meine Geschichte der Schweiz. Eine Mischung aus Wissenschaft und Fantasie, Fabeln und Fakten - die Vergangenheit kann manchmal hochaktuell sein.
Sie sagten, es habe Sie selbst emotional sehr berührt. Warum?
Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesem Land, in dem ich ja nicht geboren wurde, so verbunden bin. Vielleicht liegt es daran, dass meine Töchter hier geboren sind, oder, dass die Leute hier an mich geglaubt haben. Oder, dass ich mich hier verliebt habe. Jedenfalls kannte ich hier niemanden, ich habe mich mit meinen eigenen Händen oder besser gesagt, mit meiner eigenen Stimme geschaffen. Ich hatte kein Netzwerk.
In Ihrer Show machen Sie Sprüche über die AHV und nehmen die Schweizer Armee auf die Schippe. Früher war das undenkbar in einem Schweizer Theater. Wie viel Mut braucht es dazu?
Den Mut eines Kindes, das unschuldig fragt, wieso die kleinen Kinder denn bei der Geburt keinen Schnupfen haben, wo sie doch der Storch ganz nackt in einem Bündel bringt.
Auf der Bühne teilen Sie ja auch an Politiker Peitschenhiebe aus. Klingt das nicht ein wenig belehrend?
Ich bin Clown, kein Professor. Die Politiker verwenden meine Sprache, die Sprache der Shows. Also müssen sie sich auch der Kritik stellen. Vor 30 Jahren musste ein guter Politiker noch ernsthaft sein, heute verlangt man von Komikern, dass sie ernsthaft sind und als Vorbild wirken. Unsereins akzeptiert Kritik allerdings, die Politiker dagegen nicht.
Haben Ihre Kritiken einen Einfluss auf das Publikum?
Überhaupt nicht. Ein Lacher dauert 2 oder 3 Sekunden, dann löst er sich in Luft auf.
Haben Sie sich schon einmal überlegt „rocCHipedia" in Italien aufzuführen?
Ich werde rocCHipedia in der italienischen und der französischen Schweiz aufführen. In Italien? Ich habe Angebote für Varese und Como, aber ich weiss nicht recht ... Ist die Schweiz für Italien überhaupt ein Thema? Ich sehe überall Wahlplakate hängen mit dem Slogan „Nein zu Europa!". Aber Europa will uns schon seit zehn Jahren gar nicht mehr dabei haben!
Gibt es bereits eine Planung, was nach rocChipedia folgt?
„rocCHipedia" ist wie „Circo Massimo" oder „äuä „ ein Stück, mit dem ich arbeite, und das ich laufend anpasse. Ich halte inne und versuche zu erspüren, was unsere Gesellschaft gerade bewegt. Ein Thema, dass an rocChipedia angepasst werden könnte, ist vielleicht das Geld, aber andererseits... was meinen Sie, ist in zwei Jahren überhaupt noch Geld da?
Interview Bruno Indelicato, September 2011
Massimo Rocchi ist jetzt Schweizer. Der gebürtige Italiener hat seine neue Heimat gründlich studiert, er ist eingetaucht in die Eigentümlichkeiten der Eidgenossen und hat dabei eine umfassende Schweiz-Enzyklopädie frei nach Rocchi erschaffen.
Er berichtet uns von der Entstehung der Schweizer Alpen, den Urahnen und Urkantonen, den Kriegen der alten Eidgenossen und deren Aufstieg zu den ersten Bodyguards Europas. Massimo weiss, was Calvin und Zwingli aus ihren Kelchen tranken, wie die Konkordanz entstand und was das überhaupt ist und er erklärt warum gewisse Bundesräte 500 Jahre zu spät geboren wurden. Massimo Rocchi kennt alle Fakten, deckt die Hintergründe auf und analysiert jeden Hintersinn, denn eines ist ihm klar: Will man sich selbst verstehen, bleibt nur der Blick zurück.
rocCHipedia ist eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art mit modernsten didaktischen und pädagogischen Methoden. Jede Aufführung wird frisch überarbeitet, auf strengste Schweizer Qualität kontrolliert und auf neueste Erkenntnisse der helvetischen Forschung aktualisiert.
rocCHipedia Termine im 2011 LINK