Cinecittà: "Hollywood am Tiber"
ROM. Cinecittà liegt in einem südlichen Vorort von Rom, etwa 9
Kilometer vom Zentrum entfernt. Das Vierzig Hektar grosse Areal liegt an
der Endstation der Metro-Linie A und an der römischen Konsularstrasse
Via Tuscolana, heute eine viel befahrene Asphaltroute, die in
südöstlicher Richtung aus der ewigen Stadt hinaus führt.
Hinter
dicken Mauern, durch die nur ein abweisender und unscheinbarer Einlass
führt, liegen gigantische Filmstudios, riesige Freiflächen mit
Häuserfassaden, Plätzen, Monumenten aus Pappmache und Hallen mit
imposanten Kulissen. Sie erzählen von einer bewegten und glamourösen
Geschichte, denn hier entstanden einige der beeindruckendsten
Monumentalschinken sowie anspruchsvollsten Klassiker der
Filmgeschichte.Träume sollen hier wahr werden, so hatte es sich einst
schon Benito Mussolini gewünscht. Der Diktator hatte von Lenin gelernt,
dass Kino eine Allzweckwaffe der Propaganda war. In den 30er-Jahren
liess er die Filmstadt im Stil der Zeit erbauen, einer Mischung aus
neuer Sachlichkeit und faschistischer Architektur, 1937 weihte er sie
mit Pomp ein.
"Hollywood am Tiber" wurde Cinecittà in den 50er Jahren genannt, als
Monumentalfilme wie "Ben Hur" und "Kleopatra" unter grossem Aufwand an
Stars, Statisten sowie Bühnenbildern und an Originalschauplätzen in Rom
gedreht wurden. Rom war billiger als Hollywood - es begann die Zeit der
Sandalen- und Kostümfilme. Sie brachten Weltstars in die provinzielle
italienische Hauptstadt und sehr viel Glamour: Rom wurde selbst zur
Kulisse, zum Stoff für Legenden. Liz Taylor traf hier ihre grosse Liebe
Richard Burton. Audrey Hepburn und Mel Ferrer verbrachten einen Teil
ihrer Flitterwochen auf dem Set, nachts feierte man rauschende Feste.
Federico
Fellini machte Cinecittà zu seinem Wohnort. Mit "La Dolce Vita" setzte
der Meister Rom der 50er-Jahre ein Denkmal und schuf seinerseits einen
Mythos, von dem die Stadt bis heute zehrt. Hier liess Federico Fellini
für „La dolce vita" den Trevi Brunnen genauso wie die Via Veneto
nachbauen - für das Original hatte er erst ab zwei Uhr nachts eine
Drehgenehmigung.
In den 60er und 70er Jahren boomte das
italienische Autorenkino und seine Stars Visconti, De Sica, Pasolini,
Bertolucci, Zeffirelli, Antonioni und natürlich Fellini drehten ihre
Meisterwerke in Cinecittà. Neben diesen anspruchsvollen Filmen brachte
Cinecittà seit den sechziger Jahren aber noch einen weiteren Boom
hervor: Der Italowestern wurde modern. Sergio Leone war einer seiner
Stars. Mit Filmen wie „Für ein paar Dollar mehr" oder „Zwei glorreiche
Halunken" machte er Clint Eastwood bekannt. Sergio Leone war es auch,
der später mit „Mein Name ist Nobody" den Übergang vom sich noch ernst
nehmenden Italowestern zum klamaukigen „Spaghettiwestern" schuf.
Die Krise der Kinoindustrie und die Privatisierung.
Cinecitta
erlebte in der Zeit von 1955 bis 1975 ihren Höhepunkt. Doch die
glanzvollen Zeiten waren nicht von Dauer. Die 70er Jahre und der
Fernsehboom stürzten die Kinoindustrie in die Krise. Wurde noch 1986
„Der Name der Rose" teilweise in einem nachgebauten Kloster in Cinecittà
gedreht, so schien spätestens seit den Neunzigerjahren der grosse
Zauber vergangen. Am Rande des Bankrotts wurde Cinecittà 1997
privatisiert. Investitionen von mehr als 25 Millionen Euro für
aufwändige Modernisierungen führten dazu, dass die Filmstadt in neuerer
Zeit wieder Projekte gewinnen konnte. So entstanden hier Filme wie Mel
Gibsons „Passion Christi" oder Ridley Scotts „Gladiator". Scorsese
filmte hier seine „Gangs of New York". Doch werden die Studios heute
auch für Fernsehshows genutzt, Halle 6 bewohnen die Insassen von „Big
Brother", aus dem legendären Studio 5 wurde die erfolgreiche Show von
Fiorello ausgestrahlt.
Für die britische Fernsehserie „Rom", die
bis dato teuerste Fernsehproduktion aller Zeiten, wurden in Cinecittà
mit enormem Aufwand die grössten Kulissen der Filmgeschichte erstellt.
Jüngst hat Nanni Moretti hier seinen Papstfilm "Habemus Papam" gedreht
und dafür die Sixtinische Kapelle und die Fassade des Petersdoms
nachbauen lassen. Im Sommer kommt Woody Allen für sein neues Werk, frei
nach dem Decamerone von Boccacio, auf den Set.
Im Rahmen der 150-Jahresfeier der Einheit Italiens hat Roms Filmstadt zum ersten Mal ihre Pforten für Besucher geöffnet. Im Laufe der Jahre langten in Cinecittà unzählige Anfragen ein, die die Studios besuchen wollten, und so entschloss sich das Management die Filmstadt mit einer Ausstellung zugänglich zu machen. In den ersten zehn Tagen kamen bereits 10.000 Besucher. Durch das weitläufige Gelände führt ein auf die asphaltierten Wege gemalter roter Teppich, auf ihm werden die Besucher durch die verschiedenen Teile der Ausstellung geleitet. Alle Bauwerke in Cinecittà stehen unter Denkmalschutz. Zu besichtigen ist nicht nur ein Stück Filmgeschichte, sondern ein Kulturgut, Teil jener Italianità, die nach dem Krieg zum Exportschlager werden sollte.
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Gewänder aus dem Film "Die Passion Christi", der in Cinecittà gedreht wurde, sind ebenso zu bewundern wie Elizabeth Taylors Kleid als Kleopatra und Richard Burtons Marcus-Antonius-Outfit. Man sieht die Roben der Diven Claudia Cardinale und Sophia Loren, Anita Eckbergs schwarzes Abendkleid aus "La Dolce Vita" ebenso wie die Kostüme aus "Ginger und Fred" von Giulietta Masina und Marcello Mastroianni.
Heutzutage verfügt Cinecittà über insgesamt 25 Studios, etwa 250
Menschen arbeiten an einem Film, 40 Millionen Euro im Jahr beträgt der
durchschnittliche Umsatz, den Cinecittà vorwiegend mit internationalen
Filmen erwirtschaftet.
Paola Volk, Januar 2012
Noch bis
zum 30. März 2012 zeigt die Ausstellung „Cinecittà Si Mostra“ (Cinecitta
zeigt sich) Requisiten aus „Cleopatra“ und „Ben Hur“, die Roben der
Diven Claudia Cardinale und Sophia Loren sowie die Kostüme von Marcello
Mastroianni. Dazu gibt es Ausschnitte aus Meisterwerken, Interviews mit
den Stars und Aufnahmen vom Set. In Cinecittà wirkt das alte Rom
brandneu. Das gesamte Forum Romanum und die Suburra, den Armenvierteln
des alten Roms, sind über vier Hektar als Filmset nachgebaut. Gleich um
die Ecke beim Forum Romanum ist eine Strasse aus Paris erbaut, die eine Produktion zuvor schon als New Yorker Location gedient hat.
Die
Zitate aus Drehbüchern berühmter Filme sind rund um den Eingang zu den
Ausstellungsräumen angebracht, um das Eintauchen in die Welt des Films ermöglichen.
