22. Mai 2012
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Cinecittà: "Hollywood am Tiber"

Cinecittà: "La Dolce Vita"ROM. Cinecittà liegt in einem südlichen Vorort von Rom, etwa 9 Kilometer vom Zentrum entfernt. Das Vierzig Hektar grosse Areal liegt an der Endstation der Metro-Linie A und an der römischen Konsularstrasse Via Tuscolana, heute eine viel befahrene Asphaltroute, die in südöstlicher Richtung aus der ewigen Stadt hinaus führt.

Hinter dicken Mauern, durch die nur ein abweisender und unscheinbarer Einlass führt, liegen gigantische Filmstudios, riesige Freiflächen mit Häuserfassaden, Plätzen, Monumenten aus Pappmache und Hallen mit imposanten Kulissen. Sie erzählen von einer bewegten und glamourösen Geschichte, denn hier entstanden einige der beeindruckendsten Monumentalschinken sowie anspruchsvollsten Klassiker der Filmgeschichte.Träume sollen hier wahr werden, so hatte es sich einst schon Benito Mussolini gewünscht. Der Diktator hatte von Lenin gelernt, dass Kino eine Allzweckwaffe der Propaganda war. In den 30er-Jahren liess er die Filmstadt im Stil der Zeit erbauen, einer Mischung aus neuer Sachlichkeit und faschistischer Architektur, 1937 weihte er sie mit Pomp ein.

"Hollywood am Tiber" wurde Cinecittà in den 50er Jahren genannt, als Monumentalfilme wie "Ben Hur" und "Kleopatra" unter grossem Aufwand an Stars, Statisten sowie Bühnenbildern und an Originalschauplätzen in Rom gedreht wurden. Rom war billiger als Hollywood - es begann die Zeit der Sandalen- und Kostümfilme. Sie brachten Weltstars in die provinzielle italienische Hauptstadt und sehr viel Glamour: Rom wurde selbst zur Kulisse, zum Stoff für Legenden. Liz Taylor traf hier ihre grosse Liebe Richard Burton. Audrey Hepburn und Mel Ferrer verbrachten einen Teil ihrer Flitterwochen auf dem Set, nachts feierte man rauschende Feste.

Federico Fellini machte Cinecittà zu seinem Wohnort. Mit "La Dolce Vita" setzte der Meister Rom der 50er-Jahre ein Denkmal und schuf seinerseits einen Mythos, von dem die Stadt bis heute zehrt. Hier liess Federico Fellini für „La dolce vita" den Trevi Brunnen genauso wie die Via Veneto nachbauen - für das Original hatte er erst ab zwei Uhr nachts eine Drehgenehmigung.

In den 60er und 70er Jahren boomte das italienische Autorenkino und seine Stars Visconti, De Sica, Pasolini, Bertolucci, Zeffirelli, Antonioni und natürlich Fellini drehten ihre Meisterwerke in Cinecittà. Neben diesen anspruchsvollen Filmen brachte Cinecittà seit den sechziger Jahren aber noch einen weiteren Boom hervor: Der Italowestern wurde modern. Sergio Leone war einer seiner Stars. Mit Filmen wie „Für ein paar Dollar mehr" oder „Zwei glorreiche Halunken" machte er Clint Eastwood bekannt. Sergio Leone war es auch, der später mit „Mein Name ist Nobody" den Übergang vom sich noch ernst nehmenden Italowestern zum klamaukigen „Spaghettiwestern" schuf.

Die Krise der Kinoindustrie und die Privatisierung.
Cinecitta erlebte in der Zeit von 1955 bis 1975 ihren Höhepunkt. Doch die glanzvollen Zeiten waren nicht von Dauer. Die 70er Jahre und der Fernsehboom stürzten die Kinoindustrie in die Krise. Wurde noch 1986 „Der Name der Rose" teilweise in einem nachgebauten Kloster in Cinecittà gedreht, so schien spätestens seit den Neunzigerjahren der grosse Zauber vergangen. Am Rande des Bankrotts wurde Cinecittà 1997 privatisiert. Investitionen von mehr als 25 Millionen Euro für aufwändige Modernisierungen führten dazu, dass die Filmstadt in neuerer Zeit wieder Projekte gewinnen konnte. So entstanden hier Filme wie Mel Gibsons „Passion Christi" oder Ridley Scotts „Gladiator". Scorsese filmte hier seine „Gangs of New York". Doch werden die Studios heute auch für Fernsehshows genutzt, Halle 6 bewohnen die Insassen von „Big Brother", aus dem legendären Studio 5 wurde die erfolgreiche Show von Fiorello ausgestrahlt.

Für die britische Fernsehserie „Rom", die bis dato teuerste Fernsehproduktion aller Zeiten, wurden in Cinecittà mit enormem Aufwand die grössten Kulissen der Filmgeschichte erstellt. Jüngst hat Nanni Moretti hier seinen Papstfilm "Habemus Papam" gedreht und dafür die Sixtinische Kapelle und die Fassade des Petersdoms nachbauen lassen. Im Sommer kommt Woody Allen für sein neues Werk, frei nach dem Decamerone von Boccacio, auf den Set.

Im Rahmen der 150-Jahresfeier der Einheit Italiens hat Roms Filmstadt zum ersten Mal ihre Pforten für Besucher geöffnet. Im Laufe der Jahre langten in Cinecittà unzählige Anfragen ein, die die Studios besuchen wollten, und so entschloss sich das Management die Filmstadt mit einer Ausstellung zugänglich zu machen. In den ersten zehn Tagen kamen bereits 10.000 Besucher. Durch das weitläufige Gelände führt ein auf die asphaltierten Wege gemalter roter Teppich, auf ihm werden die Besucher durch die verschiedenen Teile der Ausstellung geleitet. Alle Bauwerke in Cinecittà stehen unter Denkmalschutz. 
Zu besichtigen ist nicht nur ein Stück Filmgeschichte, sondern ein Kulturgut, Teil jener Italianità, die nach dem Krieg zum Exportschlager werden sollte.

 

Cinecittà: "Holliwood am Tiber" Cinecittà: "Holliwood am Tiber"

Gewänder aus dem Film "Die Passion Christi", der in Cinecittà gedreht wurde, sind ebenso zu bewundern wie Elizabeth Taylors Kleid als Kleopatra und Richard Burtons Marcus-Antonius-Outfit. Man sieht die Roben der Diven Claudia Cardinale und Sophia Loren, Anita Eckbergs schwarzes Abendkleid aus "La Dolce Vita" ebenso wie die Kostüme aus "Ginger und Fred" von Giulietta Masina und Marcello Mastroianni.

Heutzutage verfügt Cinecittà über insgesamt 25 Studios, etwa 250 Menschen arbeiten an einem Film, 40 Millionen Euro im Jahr beträgt der durchschnittliche Umsatz, den Cinecittà vorwiegend mit internationalen Filmen erwirtschaftet.

Paola Volk, Januar 2012

"Cinecittà si mostra"

Noch bis zum 30. März 2012 zeigt die Ausstellung „Cinecittà Si Mostra“ (Cinecitta zeigt sich) Requisiten aus „Cleopatra“ und „Ben Hur“, die Roben der Diven Claudia Cardinale und Sophia Loren sowie die Kostüme von Marcello Mastroianni. Dazu gibt es Ausschnitte aus Meisterwerken, Interviews mit den Stars und Aufnahmen vom Set. In Cinecittà wirkt das alte Rom brandneu. Das gesamte Forum Romanum und die Suburra, den Armenvierteln des alten Roms, sind über vier Hektar als Filmset nachgebaut. Gleich um die Ecke beim Forum Romanum ist eine Strasse aus Paris erbaut, die eine Produktion zuvor schon als New Yorker Location gedient hat.
Die Zitate aus Drehbüchern berühmter Filme sind rund um den Eingang zu den Ausstellungsräumen angebracht, um das Eintauchen in die Welt des Films ermöglichen.

Cinecittà si mostra