22. Mai 2012
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"Il Professore"

Der Weise zwischen uns allen

Meine Tätigkeit hier in Rom ist sehr anstrengend aber auch vielfältig und spannend. Heute  morgen hatte ich einiges im Consiglio di Stato zu erledigen. Der „Consiglio di Stato“ ist das obere Gericht, betreffend das italienische Verwaltungsrecht und es befindet sich in einem wunderschönen Palast im Zentrum, genauer gesagt am „Piazza Capo di Ferro“. Der so genannte  Palazzo Spada ist einer der grossen Stadtpaläste in Rom. Er wurde 1548 im Auftrag des Kardinals Girolamo Capodiferro durch den Architekten Bartolomeo Baronino errichtet. Später ging der Palast in den Besitz von Bernardino Spada über, dessen Namen er bis heute trägt..

Nebst dem Sitz des Gerichts ist heute der „Palazzo Spada“ auch eine Galerie, wo eine grosse Kunstsammlung mit Werken des 17. Jahrhundert ausgestellt ist und für Besucher geöffnet ist. Es ist lustig zu sehen, wie sich manchmal eine grosse Menge von jungen Schülern, die die Kunstgalerie besuchen, neben den hochverehrten Anwälten der Halbinsel, die sich zum Gericht beeilen, vermischen.

Während ich vor dem Gerichtssaal wartete und versuchte, im totalen Chaos von Anwälten, Beamten und Assistenten meine Papiere nochmals durchzulesen, wurde plötzlich alles still. Die Anwesenden grüssten mit Respekt und Ehre einen alten kleinen Herrn, der mit Bescheidenheit und Ruhe, trotz Menschenmenge, seine Schritte zum Gerichtsaal wandte. Man nannte ihn „Professore“.

Was ich mit meinen Ohren auffing war, dass es sich um einen der ältesten Verwaltungsrechtanwälten Italiens handelte. Heute war er da, um einem Richter, der pensioniert worden war, offiziell seine letzten Grussworte zu geben. 

Er redete wie ein Weiser für alle, die dort waren, und so das Glück hatten, eine Lektion fürs Leben zu bekommen.

Das Höchste das man bekommen kann, ist eine solche Belehrung an einem einfachen, regnerischen Tag in Rom! Sogar die berühmtesten und begehrtesten Anwälte der Halbinsel waren still und hörten aufmerksam zu, was der alte Weise mit seinen Worten allen für das Leben mitgab.

 „Nichts fängt an, und nichts hört auf. Es ist immer ein Zyklus, in dem neue Bestandteile des Lebens geschafft werden“: Mit diesen und vielen andere schönen, auch ironischen Worten,  schenkte der alte Professore aus Neapel  uns allen ein grosses Erlebnis. 

…Und wieder einmal schweife ich glücklich mit meinem Scooter durch Rom!

Eva Gallo, Januar 2010