Die "rote Lilli"
Lilli, Sie sind sicherlich die populärste italienische Journalistin. Sie haben grossen Erfolg als Schriftstellerin gehabt und Sie sind mit einem beeindruckenden Wahlergebnis in das Europaparlament gewählt worden. Journalismus, Literatur, Politik: was hat Ihnen am meisten Freude bereitet?
Es handelt sich dabei um drei sehr verschiedene Tätigkeiten, die jedoch sehr eng mit meiner beruflichen Karriere und mit meinem persönlichen Werdegang verbunden sind. Beruflich bin ich Journalistin. Die Tätigkeit als Schriftstellerin hat mir ermöglicht, Studien zu vertiefen und Projekte gemeinsam mit meinem Ehemann, Jacques Charmelot, zu verwirklichen. Zusammen mit ihm bin ich auch in nach Irak, Iran, Maghreb und in viele weitere Länder des Nahen Ostens gereist, von denen ich in meinen Essays schreibe. Durch mein Engagement in der Politik konnte ich sehr wichtige Erfahrungen sammeln. Ich bin jedoch keine berufsmässige Politikerin und habe mich immer als Journalistin, die in der Politik tätig ist, gefühlt.
Sie haben vier Essays über die islamische Welt geschrieben: woher rührt Ihr Interesse an den Staaten im Nahen Osten?
Eigentlich geschah es zufälligerweise: Als mich Tg1 im Jahr 1990 als Sonderkorrespondentin für internationale politische Fragen einsetzte, brach der Zweite Golfkrieg im Nahen Osten aus. Ich wurde also damals als Journalistin in diese extrem konfliktgeladene Gegend geschickt. Meiner Ansicht nach ist diese Region aufgrund seines Erdöls, der Religion und wegen des Kampfes um das Territorium für einen Journalisten die interessanteste Gegend der Erde überhaupt. Der Nahe Osten ist ein winziges Gebiet unserer Erde, in welchem jeder Zentimeter des Landes heftig umkämpft ist.
Es ist ein faszinierendes Gebiet mit einer reichen Kultur. Es ist aber zugleich auch ein Gebiet, das durch etliche politische Ereignisse gestört wurde, die ich als Augenzeugin oftmals selber miterlebt habe. 1991 habe ich dann Jacques in Bagdad kennengelernt, mit dem ich heute verheiratet bin. Nicht nur aus beruflichen Gründen, sondern auch persönlich bin ich also sehr stark mit dieser Region verbunden. Sie lässt mich auf viele schöne Erinnerungen und gemeinsame Erlebnisse mit meinem Mann zurückblicken.
In Italien berichten die Medien wenig bis gar nichts über die Tätigkeit des Europäischen Parlaments. Mit welchen Thematiken haben Sie sich befasst und was hat Ihnen diese Erfahrung gebracht?
Ich war Mitglied des Ausschusses für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres. Dieser Ausschuss beschäftigte sich mit dem internen Recht der Europäischen Union, mit Bürgerrechten und mit Immigrationspolitik. Des Weiteren war ich auch Mitglied des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten. In diesem Ausschuss befasste ich mich insbesondere mit Fragen, die den Nahen Osten betrafen. In diesem Kontext bin ich auch als Präsidentin der Delegation für die Beziehungen zu den Golfstaaten eingesetzt worden.
Ich bin häufig nach Saudi-Arabien, Jemen, Kuwait und nach Oman gereist, ein sehr interessantes Gebiet, das wegen den vielen Wirtschaftsabkommen auch für die Europäische Union sehr wichtig ist. In Italien spricht man tatsächlich sehr wenig über europäische Politik. Ich selbst, die im eigenen Land auf dem Weg nach Brüssel medial sehr stark belichtet wurde, bin sehr schnell aus dem Fokus der italienischen Medien verschwunden. Diese Tatsache erstaunt mich immer wieder; es ist schade, dass das Europäische Parlament als Institution unterbewertet wird. Es ist eine wichtige Institution, die sehr gut funktioniert und die Interessen von 25 Ländern und 450 Millionen Einwohnern auf einer sehr klaren gesetzlichen Basis vertritt.
Das Abgeordnetenhaus hat am 28. Juni das Gesetz zur Gleichbehandlung der Frau, was den Zugang zu Verwaltungsräten von börsenkotierten Unternehmen und Unternehmen mit öffentlicher Beteiligung anbelangt, verabschiedet. Was halten Sie von diesem Entscheid: ist es eine ausgrenzende Massnahme, die den Verdienst und die Fähigkeiten der Frau für eine erfolgreiche Karriere unberücksichtigt lässt, oder eine nötige Massnahme, um der Diskriminierung der Frauen in den Unternehmen entgegenzuwirken?
Wir haben uns zu viel Zeit gelassen und dieses Gesetz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern mit grosser Verspätung eingeführt. Italien ist traditionsgemäss ein sehr chauvinistisches Land, was sich in den letzten Jahren zweifellos noch verschlimmert hat. In Europa bilden wir das Schlusslicht, was die berufliche Beschäftigung von Frauen anbelangt. Weniger als die Hälfte aller italienischen Frauen sind berufstätig und es bestehen beachtliche Lohndifferenzen zwischen den beiden Geschlechtern.
Einen Grund dafür sehe ich in der noch immer sehr traditionellen Gesellschaft, die durch einen starken Katholizismus geprägt ist. Verantwortung dafür trägt aber auch die Politik, die den weiblichen Kompetenzen und Fähigkeiten nie grosse Beachtung geschenkt hat und sich nicht für die Werte der Frauen eingesetzt hat. Und nicht zuletzt müssen auch die Frauen Verantwortung dafür tragen, dass sie selber gegen Frauenquoten angekämpft haben, die in Italien vorgesehen waren. Für eine erfolgreiche Karriere sollten die Fähigkeiten der Frauen ausschlaggebend sein und nicht die Geschlechtszugehörigkeit. Dies sieht in der Realität anders aus. Statistiken besagen, dass wo Regeln zur Gleichbehandlung eingeführt werden, sich auch die Karrierechancen der Frauen aufgrund ihrer Fähigkeiten verbessern.
Auch Unternehmen bleiben dabei nicht unbeeinflusst: im letzten Bericht der EU über die Gleichbehandlung der Geschlechter hat sich herausgestellt, dass Unternehmen mit einer starken weiblichen Präsenz im Verwaltungsrat bessere Leistungen ausweisen als Unternehmen, die nur „Männerquoten“ kennen. Auch viele Studien in Italien haben gezeigt, dass Unternehmen unter weiblicher Führung in Bezug auf Umsatz schneller gewachsen sind, Bruttogewinne erhöhen konnten und einen erfolgreicheren Jahresabschluss präsentieren konnten. Eine moderne Demokratie, welche die Wirtschaftskrise erfolgreich überwältigen will und in die Zukunft schaut, muss die Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts anerkennen und berücksichtigen. Das ist es, wofür sich Politiker, die ernst genommen werden wollen und für das Wohl des Landes kämpfen sowie Wirtschaftswachstum anstreben, einsetzen müssen.
Ihr Buch „Chador“ präsentierte ein Bild der iranischen Frau, das sich viele von uns anders vorgestellt hätten: können Sie die iranische Frau der heutigen Zeit umschreiben?
Iranerinnen sind sehr gebildete Frauen. Im Iran ist die Quote der Frauen, die eine Schule besuchen, sehr hoch. Dies dank der Politik des Schahs von Persien, dank der islamischen Revolution mit Ayatollah Khomeini, der die erste schiitische Theokratie gegründet hat oder dank den Klerikern Mullah. Die Bildung der Frauen war für die Schaffung von Bewusstsein und einer starken Frauenbewegung fundamental. Man muss jedoch im Iran zwischen den urbanen Gebieten und den peripheren Gebieten unterscheiden. Der Iran ist ein riesiges und sehr vielseitiges Land mit Gebieten, in denen immer noch streng patriarchalische Regeln gelten. Dass mit Mahmud Ahmadineyad ein konservativer Ultranationalist an der Macht ist haben die Frauen leider stark zu spüren bekommen.
Seine Politik wird unterstützt durch die Religion und vor allem durch die Macht der Gläubigen, was die ohnehin schon schwierige Situation in einem sehr vielfältigen und komplexen Land zusätzlich verkompliziert. Ich bin aber überzeugt, dass sich die Frauen nicht kleinkriegen lassen werden. Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi (iranische Anwältin und Aktivistin) betont, dass es sich bei den Rechten der Frauen um eine Menschenrechtfrage handelt. Der iranische Staat muss insbesondere demokratischere Strukturen vorsehen, um dieser Thematik mehr Gewicht zu verleihen.
In „Streghe, la riscossa delle donne in Italia“ behandeln sie die Thematik der Frauenrechte in Italien und die Schwierigkeiten bei der Arbeit und in der Familie. In welchem Stadium befindet sich der Kampf um die Rechte der Frauen in Italien?
Ich möchte die Erforderlichkeit unterstreichen, auch in Zukunft immer wieder für die Gleichstellung zwischen Mann und Frau zu kämpfen. Dafür benötigt man klare Ziele und Handlungsinstrumente, mit welchen man diese Ziele erreichen kann. Selbstverständlich braucht es auch Gesetze zur Erlangung wichtiger Rechte. In erster Linie liegt es nun aber in der Verantwortung der Frauen das zu verlangen, was ihnen an Rechten zusteht. Dabei müssen sie auf die Unterstützung der Männer zählen können. Zum Glück haben heute viele italienische Männer verstanden, dass es ihnen selber auch zugutekommt, wenn sie Frauen an ihrer Seite haben, die weniger müde, weniger frustriert sind und ihnen somit eine glücklichere Ehe versprechen.
Zudem haben heute viele Männer erkannt, dass bis anhin als typisch feminin anerkannte Domänen und Aufgaben, auch für sie interessant und auch ihnen grosse Freude bereiten können. Nur gemeinsam können ambitiöse Ziele erreicht werden. Der erste Appell richtet sich jedoch an die Politik, die seit Jahren im Hintertreffen ist, während sich die Gesellschaft kontinuierlich weiterentwickelt.
Was sind Ihre nächsten Ziele? Werden wir Lilli Gruber bald in der italienischen Politik antreffen?
Für die Zukunft möchte ich meinen Vertrag bei La7 verlängern, wo ich sehr gerne arbeite, weil ich dort grosse journalistische Freiheiten geniesse. Dann möchte ich auch ein neues Buch publizieren… Politik, nein, das glaube ich nicht…
Paola Volk, Juli 2011
Lilli Gruber ist am 19. April 1957 in Bozen geboren. Sie studiert an
der Università di Venezia und schliesst dort ihr Studium in
Fremdsprachen und Literaturwissenschaft ab. Im Jahr 1982 macht Lilli
Gruber den Journalismus zu ihrem Beruf und wird 1984 vom
Regionalfernsehsender Tg3 eingestellt. Nur drei Jahre später wird sie
die erste Moderatorin einer Nachrichtensendung am Abend sein.
Von
1990 bis 2004 ist sie Teammitglied des Fernsehsenders Tg1 und die erste
Frau, die eine Nachrichtensendung am Abend moderiert.
In dieser Zeit hat sie auch einen Posten als Auslandberichterstatterin inne und moderiert Sondersendungen zu verschiedenen internationalen Politanlässen: vom Fall der Berliner Mauer zum Golfkrieg, vom Friedensprozess im Nahen Osten zum Zerfall der Sowjetunion, vom 11. September 2001 zum Irakkrieg.
Lilli Gruber gewinnt zahlreiche
Journalistenpreise und kandidiert 2004 für das Europäische Parlament.
Sie wird mit grosser Zustimmung in dieses Amt gewählt.
Des
Weiteren ist Lilli Gruber auch als Schrifstellerin tätig. Sie ist
Autorin der folgenden sieben italienischen Bücher:
"Quei giorni a Berlino" (1990), "I miei giorni a Baghdad" (2003), "L'altro Islam" (2004), "Chador" (2005), "America anno zero" (2006), "Figlie dell'Islam" (2007) e "Streghe" (2008).
Lilli Gruber moderiert täglich von Montag bis Freitag um 20.30 Uhr die Sendung 'Otto e Mezzo' auf La7.
Video aus: "otto e mezzo"